Archäologische Forschungen im Kloster Lorsch

Verwaltung der Staatlichen Schlösser und Gärten Kloster Lorsch

Von 2009 bis 2016 führte das Institut für Europäische Kunstgeschichte der Universität Heidelberg (Matthias Untermann / Dieter Lammers) im Auftrag der Verwaltung der staatlichen Schlösser und Gärten Hessen ein archäologisches Forschungsprojekt zur Baugeschichte des ehemaligen Klosters Lorsch, Kreis Bergstraße, Hessen durch. Zurzeit finden umfangreiche Auswertungsarbeiten statt.

Das im späten 8. Jahrhundert gegründete Kloster Lorsch, seit 1991 UNESCO-Welterbestätte, gilt als eines der wichtigsten monastischen Zentren östlich des Rheins. Der Status eines „Reichsklosters“ seit Karl dem Großen, umfangreicher Grundbesitz und die Grablegen führender Karolinger, unter anderem von Ludwig dem Deutschen, sind hierfür Belege. Kunsthistorisch bedeutend ist die karolingische sogenannte Tor- oder Königshalle.

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Bisherige Projektpublikationen

Mehr als 125 Jahre Archäologie im Kloster Lorsch

Verglichen mit dem, was einst im Kloster Lorsch an Gebäuden vorhanden war, ist heute sehr wenig oberirdisch sichtbar erhalten aber unter der Grasnarbe finden sich bislang unbekannte Spuren der einst prächtigen Klosteranlage. Die Archäologie spielt in Lorsch deshalb eine besondere Rolle, kann sie doch längst Verlorenes zumindest in groben Strukturen wieder sichtbar machen. Im Kloster Lorsch wurde schon gegraben, als es eigentlich noch keine Archäologie gab. Bereits für das Jahr 1090 ist überliefert, dass nach einem großen Brand die Reliquie des heiligen Nazarius ausgegraben worden sei. Ebenfalls auf der Suche nach St. Nazarius hatte es im Jahr 1800 Grabungen gegeben.

Natürlich waren dies keine wissenschaftlichen Untersuchungen. Die erste nennenswerte archäologische Ausgrabung führte Rudolf Adamy im Jahre 1890, also vor mehr als 125 Jahren durch. Ihm folgten Heinrich Gieß 1907/08 und Christian Rauch 1920. Sehr großflächige Grabungen fanden von 1927 bis 1936 unter der Leitung von Friedrich Behn statt. Seine Rekonstruktionen prägten lange Zeit unser Bild vom Kloster, hatte er doch in nahezu allen wesentlichen Bereichen des Klostergeländes Untersuchungen durchführen können und war dabei zu detaillierten Ergebnissen gelangt. In den folgenden Jahren fanden nur wenige, kleinere Grabungen, ausschließlich durch Baumaßnahmen verursacht, statt. Und da man bereits Alles zu wissen schien, durchlebte das ehemalige Klostergelände einige Jahrzehnte, in denen die Forschung ruhte, aber zugleich erheblicher Schaden am Bodendenkmal angerichtet wurde.

Archäologische Forschungen im Kloster Lorsch Die Lage aller archäologischen Ausgrabungen, die seit 1890 im Kloster Lorsch stattgefunden haben (Grafik: Janine Sommer, VSG/IEK)

Im Laufe der Zeit mehrten sich Fragen und Zweifel an den Ergebnissen Friedrich Behns. Dies führte schließlich in den Jahren 1998 bis 2008 zu einem Forschungsprojekt der Universität Bamberg (Ingolf Ericsson / Markus Sanke). Durch gezielte Nachgrabungen innerhalb ehemaliger Grabungsschnitte Friedrich Behns sollten die Befunde neu bewertet, genauer datiert und interpretiert werden. Die örtliche Grabungsleitung wechselte mehrfach (Stefan Kirchberger, Jakob Müller, Michael Jandejsek), lag dann aber für rund sechs Jahre in der Hand von Kai Thomas Platz. Die neuen Grabungen brachten zunächst die Erkenntnis, dass noch vielfältige, ja sogar wesentliche Befunde des mittelalterlichen Klosters im Boden vorhanden sind. Schnell wurde auch klar, dass viele Interpretationen Behns unzutreffend waren und revidiert werden mussten.

Galten die Grabungen Friedrich Behns lediglich der Aufdeckung der Baugeschichte des Klosters, so geht die Forschung heute weit darüber hinaus. Sein größter Fehler war wohl, keinerlei Wert auf die Kleinfunde zu legen, da diese unglaublich viele Erkenntnisse zum Alltagsleben der Mönche liefern können. Handwerkerabfälle, Fragmente von Kachelöfen, Tierknochen, die Informationen zur Ernährung beinhalten und vieles mehr sind hier beispielhaft zu nennen. Dachziegel, Bodenfliesen, Wandputzfragmente und Ähnliches erlauben es uns, ein besseres Bild von der Ausstattung der Gebäude zu gewinnen, als dies allein die Aufdeckung von Fundamentgräben ermöglicht.

2010 – 2013

Dank eines Investitionsprogramms für die UNESCO-Welterbestätten durch die Bundesrepublik Deutschland fanden 2012/13 umfangreiche Umgestaltungen im Kloster Lorsch statt, die von uns archäologisch begleitet wurden. Dafür mussten von 2010 bis 2013 dreizehn Ausgrabungsschnitte angelegt und fast 100 kleinere Untersuchungen durchgeführt werden. Die Grabungen verteilten sich nahezu über dem gesamten ehemaligen Klostergelände, mit Ausnahme des nördlichen Drittels, das modern überbaut ist. Es konnten vielfältige Ergebnisse zur Nutzungsstruktur und zu einzelnen Gebäuden oder Bauwerken gewonnen werden.

Archäologische Forschungen im Kloster Lorsch Ein Ausgrabungsschnitt aus dem Jahr 2013. Im Vordergrund die Standorte zweier Ofenanlagen. Außerdem sind Fundamente zu erkennen, die zu einem Vorläufergebäude der Zehntscheune gehören.

2014

Bei den archäologischen Untersuchungen wurden mehr als 90.000 Funde geborgen, darunter 37.000 Keramikscherben und mehr als 27.000 Tierknochen. Die überwiegende Masse stammte aus den Verfüllungen der ehemaligen Grabungsschnitte Behns, war also aus ihrem ursprünglichen Zusammenhang gerissen. Dort fanden sich dann Objekte des 7. bis 20. Jahrhunderts vermischt, was ihren wissenschaftlichen Wert deutlich schmälerte. Davon abgesehen verblieb noch eine beträchtliche Menge an Funden, die aus eindeutigen Fundzusammenhängen geborgen wurden und daher auch gut zu datieren sind. Das Jahr 2014 wurde genutzt um die Funde systematisch zu erfassen und teilweise zu beschriften, zu fotografieren, zu zeichnen und zu bestimmen. Die angefertigten Grabungspläne wurden digitalisiert und die Befundbeschreibungen vereinheitlicht. Auch ein beachtlicher Teil der wissenschaftlichen Auswertung konnte bereits abgeschlossen werden.

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2015 – 2016

2015 mussten die Auswertungsarbeiten zurückgestellt werden, da nun die Torhalle wortwörtlich in den Mittelpunkt des archäologischen Interesses geriet. Das Areal um die Torhalle war mit zahlreichen Versorgungsleitungen durchzogen, bei deren Verlegung bereits große Teile des Bodendenkmals beschädigt oder unwiederbringlich zerstört wurden. In 2016 wuden einige vorhandene Leitungen erneuert und das Areal an das neu gestaltete übrige Klostergelände angepasst. Außerdem war der Fußboden innerhalb der Torhalle sanierungsbedürftig. Diese unvermeidlichen Maßnahmen führten zu Bodeneingriffen, die erneut das Bodendenkmal gefährdeten und die daher Ausgrabungen notwendig machten.

Zu den Ergebnissen zählte die genaue Lokalisierung des Westtores, dass wohl erst in der Neuzeit errichtet worden war. Die Torhalle steht auf einem dicht mit Gräbern belegtem Friedhof des frühen oder hohen Mittelalters. Verschiedene Fundamente und Pfostengruben müssen zu unterschiedlichen Gebäuden gehört haben, die teilweise älter als die Torhalle waren.

und schließlich ...

Nach 125 Jahren archäologischer Forschung sollte es ein einigermaßen verlässliches Bild vom ehemaligen Kloster geben. Und tatsächlich lassen sich eine große Anzahl von gesicherten Erkenntnissen aufzeigen: So ist inzwischen nachgewiesen, dass es im Umfeld der späteren Torhalle bereits im 7. Jahrhundert eine vorklosterzeitliche Siedlung gegeben hatte. Wir kennen die Lage der Klosterkirche und wissen, dass daran an der Südseite die Klausurgebäude anschlossen. Im Westflügel gab es einen großen Keller. Wir wissen, dass sich die Lage der Klostermauer seit ihrer erstmaligen Errichtung nur unwesentlich verändert hat. Die Lage, zum Teil auch die Belegungsdauer von vier Bestattungsplätzen ist bekannt. Wir kennen eine große Mönchslatrine am südöstlichen Rand des Klosters, nördlich davon lag ein Gebäude in dem wohl das Infirmarium, also das Krankenhaus für die Mönche, untergebracht war. Noch weiter nördlich nahe der heutigen Nibelungenstraße stand ein Gebäude, das mehrfach abbrannte. Nördlich der Zehntscheune gab es Gärten, hier standen zeitweilig aber auch Öfen in denen Buntmetall geschmolzen wurde. Diese Auflistung ließe sich noch eine Zeitlang weiter führen.

Die genannten aber auch die vielen unklaren oder noch unbekannten Strukturen und Bauwerke wurden zu irgendeinem Zeitpunkt neu errichtet, wurden genutzt, eventuell umgebaut und sind schließlich verfallen. Es kann also kein starres Bild vom Kloster geben, wie dies noch von Friedrich Behn gezeichnet wurde. Um den ständigen Wandel zu zeigen ist es nötig, die nachgewiesenen Strukturen und Bauwerke in eine zeitliche Ordnung zu bringen und zu versuchen, getrennt nach den einzelnen Epochen, die vielen Bilder des Klosters zu zeichnen. Dies ist, wie erwähnt, in einer umfangreichen wissenschaftlichen Auswertung begonnen worden. Ein abschließendes Ende der Erforschung des Klosters Lorsch kann es aber nicht geben. Und auch weitere Grabungen wird es irgendwann sicher wieder geben müssen.

Text: Dieter Lammers

Seitenbearbeiter: Webadministrator
Letzte Änderung: 23.01.2017
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